Entsetzen nach Bluttat in Stade hält an: Mordkommission übernimmt Ermittlungen
Nach der Bluttat in einer Jugendhilfeeinrichtung mit sechs Toten im niedersächsischen Stade sollen die Ermittlungen "aufgrund des Umfangs und der Komplexität des Tatgeschehens" von einer eigens eingerichteten Mordkommission übernommen werden. Das teilten die Polizei in Lüneburg und die Staatsanwaltschaft Stade am Dienstag mit. Erwartet wurde zudem eine Entscheidung über einen Untersuchungshaftbefehl für den nach der Tat am Montag festgenommenen 45-jährigen Verdächtigen.
Ermittler werteten den Angaben zufolge unter anderem Hinweise aus, die aus der Bevölkerung sowie über ein nach den Geschehnissen freigeschaltetes Portal eingingen. Die Behörden baten zudem erneut darum, Bild- und Videoaufnahmen zur Verfügung zu stellen. Wann die Vorführung des Tatverdächtigen beim Haftrichter geplant war, war unklar. Aus rechtlichen Gründen muss sie aber am Dienstag erfolgen.
Nach Ermittlerangaben soll der 45-Jährige in der Einrichtung in der nordniedersächsischen Stadt auf sechs Mitarbeitende des privaten Trägers sowie des Jugendamts geschossen und diese tödlich verletzt haben. Hintergrund war nach ersten Erkenntnissen demnach wohl ein Sorgerechtsstreit. In der Einrichtung waren die drei Monate alte Tochter des mutmaßlichen Schützen sowie die 34-jährige Kindsmutter untergebracht. Am Montag gab es einen Termin, zu dem der Mann geladen war.
Kurz nach den Schüssen wurde der in einem Auto flüchtende Verdächtige von Einsatzkräften der Polizei gestoppt und festgenommen. Dabei wurde außerdem eine Waffe beschlagnahmt. Ebenfalls festgenommen wurde eine 65-Jährige, die den Wagen fuhr. Laut Ermittlern soll sie enge Verbindungen zur Familie des Verdächtigen haben.
Bei den Getöteten handelte es sich den Angaben vom Dienstag zufolge um jeweils drei Mitarbeitende der Einrichtung sowie des Jugendamts der Region Hannover, das diese nutzt. Vier der Opfer waren Frauen, zwei Männer. Auch der Verdächtige kommt aus der Region Hannover.
Die Tat löste bundesweit großes Entsetzen aus. Die Gewerkschaft Verdi forderte einen besseren Schutz für Beschäftigte der sozialen Arbeit. Diese arbeiteten häufig "im Kontext von Opferschutz" und hätten daher regelmäßig "Kontaktpunkte mit Tätern", erklärte die Leiterin des Verdi-Landesbezirks Niedersachsen-Bremen, Andrea Wemheuer. Zugleich gebe es jedoch "mangelhafte Schutzkonzepte und fehlende Ressourcen".
Nach Angaben der Region Hannover hielten sich ihre drei bei dem Angriff getöteten Mitarbeitenden zu einem "Hilfeplangespräch" in der Einrichtung auf. "Wir sind im engen Austausch und unterstützen die Behörden im Rahmen der laufenden Ermittlungen", erklärte die Region Hannover am Dienstag. Der Tod der Beschäftigten mache "fassungslos".
Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) versicherte am Dienstag, es werde "alles getan", um die Hintergründe der Tat schnell zu klären sowie "zu einer Gerichtsverhandlung und der notwendigen Bestrafung zu kommen". Nach seinen bisherigen Informationen sei das Geschehen nicht vorhersehbar gewesen. Der Verdächtige sei in der Vergangenheit polizeilich nicht stark auffällig gewesen, betonte Dobrindt in Berlin.
Einem "Spiegel"-Bericht zufolge soll der Verdächtige sein drei Monate altes Kind geschüttelt und dadurch gefährdet haben. Ein Arzt stellte demnach entsprechende Verletzungen bei dem Baby fest. Der 45-Jährige aus Garbsen in der Region Hannover und die Kindsmutter waren demnach getrennt. Dem Magazin zufolge gab es einen Streit um das Sorgerecht, in dem ein Gericht im April und Mai zweimal entschied.
In der evangelischen St.-Wilhadi-Kirche in Stade war für Dienstagabend eine Andacht zum Gedenken an die Getöteten geplant. Sie stand nach Behördenangaben neben Betroffenen und Einsatzkräften auch Bürgerinnen und Bürgern offen. Erwartet wurde auch Landesbischof Ralf Meister.
R.Buglione--LDdC